Hans Gesell † 04.11.1914

Der Hochnebel drückt auf die Pläne, aufs Gemüt: schöner Mist. Das Frühstück – doch im Freien – bringt dann die Idee: Wir fahren zum Friedhof – wir hatten das ja eh vor. Okay, wir machen uns auf und fahren nach Diksmuide-Vladslo, zum Deutschen Soldatenfriedhof. Hier liegt der Bruder meiner Großmutter Gertrud Gesell, der Gefreite Hans Gesell.
Navi und Karte auf dem Smartphone bringen uns sicher ans Ziel. Auf dem Friedhof ‚Duitse Militaire Begraafplaats‘ ruhen 25.644 Gefallene. Und die Tränen steigen mir hoch: Was füre arme Kerls, ihre jungen Leben weggeworfen für was? Bei Yad Vashem hatte ich zuletzt dieses Gefühl.
Wir suchen etwas vorne bei den Skulpturen von Käthe Kollwitz, da steht auf einem der vielen Grabsteine sein Name: „Hans Gesell Gefreiter 4.11.1914“. Zusammen mit den Namen von 19 anderen armen Kerls. Es ist so furchtbar, ein junges Leben endete hier in Flandern 1914 und was blieb, ist kaum mehr, als sein Name, geritzt in einen Stein. Ich unterdrücke die Tränen, putze den Stein sauber und mache Bilder. M* macht die Skulpturen von den trauernden Eltern sauber. Sie streichelt liebevoll die Blätter und Raupen, den Staub und die Spinnen von ihnen hinunter.

Was sonst können wir tun? Ich versuche mich an Bildern, die eindrucksvoll sein sollen, dann fahren wir nach Diksmuide. Die Stadt war 1914 fast völlig zerstört und hat auch im zweiten Weltkrieg nochmal mächtig abbekommen. Wir kaufen ein Grablicht, trinken einen Kaffee, besichtigen die Kirche Sint-Niklaaskerk und fahren nochmal zum Friedhof. Wenigstens ein Licht soll kurz zeigen: Ihr armen Kerls seid nicht vergessen.

Wir fahren weiter nach Nieuwport, da gibt es einen Leuchtturm und noch zwei auf den Molenenden dazu. Wir parken das Auto und gehen den letzten Kilometer zu Fuß. Die Sonne lacht und es gelingen ein paar schöne Bilder.

Auf dem Rückweg erreicht uns eine SMS, dass die Schwiegermutter angefahren wurde und im Krankenhaus liegt. Der Rest des Tages ist aufgeregt. Die Lage entspannt sich erst etwas, als M* ihre Mutter am Telefon hat: Nichts gebrochen, zur Beobachtung eine Nacht in der Klinik in Bonn. Hoffen wir mal das Beste.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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