Tag 5 – Tromsø

Neben mir schreit ein Schwabe in sein Handy, dann kommt seine Frau Roswitha und spricht mit Pappa: Alles ist gut, toll, wir sind in Tromsø, Ade.
Wow, das ist kurz. Ob Pappa was davon hatte?
Ich sitze vor dem Restaurant auf Deck 4 und warte auf Middag. Ich bin zu früh, aber hier ist das Netz besser, als auf der Kajüte. So will ich die Zeit nutzen und schon mal den Wikinger-Tagesbericht schreiben. Heute Abend wird gereicht:

Green pea soup with bacon and cream
Grilled stock fish with potato purée, Port salsa and bacon
Cheesecake served with forest berry compot

Auf den Stockfisch bin ich gespannt. Eigentlich soll er nicht schmecken und ein Fischfreund bin ich auch nicht gerade. Aber bisher war alles gut. Schaun wa ma.
Die Jungs kommen und kurz danach legt die Polarlys in Tromsø ab. Wir unterqueren die riesige Tromsøbrua und zeitgleich kommt die grüne Suppe, schmeckt mehr nach Spinat, denn nach Erbsen. Der Stockfisch ist erwartet schlecht drauf und kaut sich wie Plastik mit Meeraroma. Der ganze Nebentisch stochert etwas drin rum, dann geht der Plastikfisch zurück. Wikinger aber nehmen, wie es kommt und J:o)rg von Flake und der große graue Mann hauen den Stockfisch weg und den Teller leer. Vielleicht bringt uns das ja gutes Wetter, d.h. Nordlichtwäre mir am liebsten.
Jetzt ist nicht mehr viel zu tun und das machen wir in der Bar. Leise plätschert Musik vom Piano durch den Raum und wir machen, was Männer halt so tun, wir reden wenig, tippen auf den kleinen und größeren Bildschirmen rum und schauen auf die Landschaft, dann auf das Schwarze und die Lichter, die vorbeiziehen. Um 21:30 Uhr kommt planmäßig die MS Vesterålen zur Schiffsbegegnung. Im Jahr 2003 bin ich mir ihr unterwegs gewesen. Wir winken mit Taschenlampe und es gibt Begrüßungslichtzeichen hin und her, aber unser Kapitän Kjell-Inge Jensen (Kap. Roar Winther hat Schichtende und frei) findet wohl den Knopf des Typhons nicht. Schade. Ich mag dieses mächtige Ritual, wenn sich Schiffe in der Nacht begrüßen.
Ein Bier noch, dann ists genug, es geht in die Kajüten, zur individuellen nächtlichen Technik- und Freizeitgestaltung.

Der Tag heute begann mit Herbst – sonst nix. Nach Glanzlicht-Orgie gestern, war mir das auch sehr recht. Draußen ist die norwegische Variante von Indian Summer. Sie zieht einfach am Fenster vorbei. Wie praktisch. Ich nehm‘ noch ne Mütze Schlaf.
Um 8 Uhr stehe ich auf und gehe zu Frokost, nehme mit J:o)rg, dem Informationsspezialisten noch eine Tasse Tee am Fenster im Salon von Deck 4. Hier ist das WLan gut und wir und unsere Smartphones tauschen Informationen aus. Wir fahren in einer Wasserstraße, die nur wenige hundert Meter breit ist. Die Bäume haben sich ihr Herbstgewand angelegt und die Berge habe schon Schnee auf den Spitzen. Eine Wolkendecke hängt am Himmel und mischt blau und grau in das Farbmenue. Die Sonne ist nicht direkt zu sehen, aber alles kein Grund, dieses Wetter in Nord-Norwegen nicht gut zu nennen. Immerhin hat es 10 Grad und es geht so gut wie kein Wind.
Das Wrack der Elise Shulte liegt hier im Sund. Weil die Ankerkette versagte, lief sie auf, schlug leck und sank. Ich schicke ihr einen Gruß rüber.
Es geht jetzt auf Finnsnes zu. Hier ist das Schokoladen-Werbephoto vom großen grauen Mann mit Hut zu machen, das Einkaufscenter ist zu stürmen und es ist wieder dran zu schauen, was es hier so alles gibt. Für mehr reichen die 25 min Stop auch nicht. Nach Finnsnes wird die Gisundbrua unterquert und es geht zum Rystraumen. Hier ist der Strom nur 400 Meter breit und die Gezeiten machen kleinen Schiffchen zu schaffen. Das Wrack der Flint liegt hier, sie sank 1928.
Auf der Insel Ryøya, die an Steuerbord liegt, gibt es 17 Auerochsen. Sie wurden von der Universität Tromsø ausgesetzt. Die Tierchen sind aber nicht zu sehen, immer sagen alle, die sind gerade auf der anderen Seite. Ich denke mal, seit langen sind sie von Trollen gefressen.

Vor Tromsø passieren wir das Warck des Schlachtschiffs Tirpitz. In ruhigen Sommernächten kann man das mächtige Wrack noch tief im blauen Fjord liegen sehen.
Auf Deck 3 werde ich von einem Ü70-Mann etwas übellaunig im Gedränge am Ausgang zurechtgewiesen, ich hatte den Stau über zwei Stockwerke der von Bord wollenden Passagiere mit dem Fahrstuhl umfahren und das ist wohl nicht erlaubt, denkt er. Seine Frau entschuldigt sich. Ich lächle freundlich. Vielleicht ist der Jung ja auf der Rückfahrt besser drauf. Man soll sich doch entspannen an Bord, oder?
Die Wikinger stürmen nun kollisionsfrei von Bord und finden auch gleich ein riesiges schwarzes Taxi, welches uns komfortabel zur Fjellheisen bringt, der Seilbahn. Sie trägt uns auf den Hausberg Storsteinen und bei gutem Wetter machen wir Bilder der Gegend, der MS Polarlys und von Tromsø. Nach 30 Minuten geht es wieder zu Tal und wir gehen zu Fuss zur Ishavskatedralen, der Eismeerkathedrale, die es mir schon 2003 und 2009 angetan hatte. Ich stelle eine Kerze für meinen Vater auf, das riesige Glasfenster hinten in der Kirche ziert seinen Totenzettel.
Die drei Wikinger ziehen nun geordnet über die dünnen Eisenplatten des Fussweges der Tromsøbrua. Die über einen Kilometer lange Brücke ist 1960 gebaut und der ein oder andere hofft etwas, dass die Wartung seit dieser Zeit sorgfältig vonstatten ging. Wir durchqueren nun Tromsø, das “Tor zum Eismeer“. Viele schöne alte Holzhäuser, bunte Geschäfte und eine prächtige Bibliothek. Nachdem wir die Hauptstraße Storgatten hinter uns haben, ist es nicht mehr weit zur Macks Ølbryggeri, der „verdens nordligste bryggeri“, der „nördlichste Brauerei der Welt“. Ich verhandle mit dem Barwikinger über die Glasgröße und als wir uns auf mittel, d.h. 0,3 Liter geeinigt haben, bringt er drei große 0,5-Liter-Humpen. Ich strahle. So geht das hier also. Aber wir haben Durst, sind viel gelaufen und an der frischen Luft gewesen, es ist nach Vier, also haben wir kein schlechtes Gewissen und erfreuen uns und unsere Kehlen.
Ein kurzer Spaziergang führt zurück zum Schiff und pünktlich um 18 Uhr gibt es Abendessen. Der Stockfisch – nun ja. Er bekommt den Titel Tiefpunkt des Tages. Aber er kann damit leben. Am Nachbartisch war er sicher der Tiefpunkt der Woche.

Jetzt, wo ich in meiner Kajüte auf Deck 6 schreibe, ist draußen Schwärze mit fernen Lichtpunkten zu sehen. Aber heute gibt es ein paar Schiffsbewegungen dazu. Wir durchqueren die Lopphavet, eine auch als Loppa bezeichnete offene Meeresstrecke. Das sind etwa 70 km die es in sich haben. „Fahr zur Loppa“ bedeutet in Norwegen etwa soviel, wie „fahr zur Hölle“. Soweit wollen wir in dieser Nacht nun nicht gehen. Aber ich denke man darf auch merken, dass man auf See ist und nicht einfach nur Herbst hat.


Hier noch die Nachtragsbilder von gestern:

Landegode fyr

Landegode fyr

Die Lofotenwand

Die Lofotenwand

Ausfahrt aus Stamsund

Ausfahrt aus Stamsund

Einfahrt in den Trollfjord - Lichtstrahlen von der Brücke leuchten auf die Einfahrt

Einfahrt in den Trollfjord – Lichtstrahlen von der Brücke leuchten auf die Einfahrt


Und von heute:

Plarflo von Finsnes

Plarflo von Finsnes

Tromsø, MS Polarlys und die Tromsøbrua

Tromsø, MS Polarlys und die Tromsøbrua

Eismeerkathedrale

Eismeerkathedrale

Tromsø

Tromsø


Das Programm von morgen:
02:00 an Øksfjord
02:15 ab Øksfjord
05:15 an Hammerfest
06:45 ab Hammerfest
09:30 an Havøysund
09:45 ab Havøysund
11:45 an Honningsvåg (Nordkap)
15:15 ab Honningsvåg
17:30 an Kjøllefjord
17:45 ab Kjøllefjord
19:30 an Mehamn
20:00 ab Mehamn
22:30 an Berlevåg
22:45 ab Berlevåg

Webcams:

Mehr Details gibt es in unserem Hurtigruten-eBook.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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