Tag 7 – Kirkenes

Rock ’n‘ Roll. Nachts geht’s los. Die Barentsee ist rau. Es fühlt sich an, als hätte man einen im Kahn, nur ohne Alkohol. Fantastisch. Die Kajüte erwacht zum Leben. Der Koffer im Schrank spricht per Klopfzeichen mit den Klamotten, die an den Haken baumeln und gegen die Tür klatschen. Eine leere Wasserflasche hat wohl Angst bekommen und springt in mein Bett. Ich kicke sie raus. Keine gute Idee, jetzt wälzt sie sich böse über den Boden. Blödes Teil. Ich klemme sie ein. Weiter schlafen. Hach was für ein nettes, sanftes Wiegen. Um 7:15 geht der Wecker. Keine 5 Stunden Schlaf. Ich springe in die Klamotten. Auf Deck 5, mittschiffs stehen schon meine Wikinger. Moin. Kopfschütteln. Zwei iFöns sagen: Die Webcam von Vadsø läuft nicht. Wir sehen das Teil sogar. Gleich am Mast gegenüber. Es blinkt. J:o)rg, der Informationsspezialist erkennt aus dem Blinken sogar den Fehlercode. Einfaches Aus- und Einschalten genügte für einen Reset. Tja, aber da drüben kümmert sich keiner. Also umsonst aufgestanden. Aber wenn wir schonmal wach sind, können wir ja auch Frokost nehmen. Heute gibt es leckere kleine Pfannekuchen. Super. Nach Frokost mache ich einen vorgezogenen Mittagsschlaf. Der Varangerfjord rockt mich liebevoll in den Schlaf. Der Varangerfjord ist der östlichste Fjord Norwegens. An der Mündung in die Barentssee ist er 55 km breit, da müssen wir nun rüber. Das wird also ein ausführliches Nickerchen. Zur Einfahrt nach Kirkenes bin ich auf Deck 5 und verfolge mit den zwei Wikingern und anderen Passagieren das Anlegemanöver. Zum Aussteigen lassen wir den Dränglern, Abreisenden und Ausflüglern den Vortritt. Dann starten wir bei leichtem Regen in das trübe Grau. Kirkenes gibt sich keine Mühe nett auszusehen. Es ist etwas lieblos, ungewaschen und unordentlich, so als solle nun endlich die Polarnacht dicke Dunkelheit auf dieses Örtchen im Nirgendwo legen. Ein paar rostige Russen liegen im Hafen und ein paar ihrer Besatzungsmitglieder kommen mit Einkaufstüten finster aus Supermärkten und Kiosken.
Wir drehen eine Runde über den sehr traurigen Abglanz der hiesigen Schildergasse. Dann geht’s wieder durch den leisen Regen zum Schiff.

Ich liebe es etwas über Menschen und Länder anhand ihrer Supermärkte zu lernen. So freue ich mich auf den großen Baumarkt BM, der gleich am Hurtigrutenanleger liegt. Bevor es aufs Schiff geht, muss der BM besichtigt werden (n bisschen auch wegen meiner „kleinen“ Schwester). Drinnen ist es ganz anders, als Kirkenes sich draußen gibt: Hell, freundlich, aufgeräumt und sauber. Ich streife durch die Gänge. So viele klasse Dinge, die ich alle brauche, wenn ich nur wüßte wofür. Allein die seefeste Kleidung ist der Bringer. Aber mein Favorit waren doch die Kjedesager. So wie bei uns Grillzangen, gibt es hier Kettensägen. Toll. Es gibt sogar welche im Sonderangebot. Fantastisch. Meine Wikinger suchen mir eine aus, aber wegen des Zolls und der Security am Flughafen, sehen wir von einem Kauf ab. Wie sähe das denn auch aus. Bitte legen sie alles auf das Band: Schlüssel, Gürtel, Kleingeld und Du legst da ne Kettensäge hin. Also keine Kettensäge. Ach ja ne Stirnlampe wäre auch cool, aber die Polarlichtvorhersagen sind so schlecht … und nur beim Fotografieren im Dunkeln brauche ich evtl. eine. Ach Schade. Also wird nix gekauft. Aber irgendwann komme ich mal her und kaufe was. Versprochen.

Um 12 Uhr ist Lunsji dran und wir nehmen wenige Kleinigkeiten. Dann ist wieder Auslaufen und dem Kapitän beim Wenden helfen dran. Für mich ist später nochmal Leuchtturmalarm. Am Eingang zum Varangerfjorden steht Bøkfjord fyr. Aber es rockt schon mächtig, der Wind ist auf Sturmstärke angewachsen und ein verwacklungsfreies Bild ist schwer mit dem 400er Tele.

Jetzt geht es zur Sache. Das Schiff stampft kräftig. Gischt fliegt bis Deck 7. Wunderbar. Ein Dank an das Reisebüro unseres Vertrauens. Gut gemacht. Das ewige Sonnenwetter glaubt uns ja kaum noch eine(r). Ich probiere ein Video, aber das wirkt wie Badewanne gegen Maschsee. Die Kraft des Wetters kommt nicht rüber.

Die Reihen lichten sich. Und alle Touris eiern über Treppen und Decks, Rammen und Auffahrunfälle inklusive, sehr hübsch. Ich habe meine Freude an dem Wetter. Salz in den Haaren und cool gefönt, dafür nimmt mein Frisör Ralf den Gegenwert von zehn Mack-Øl. Und das nur, weil ich mich mal kurz außenbords gebeugt habe. Zum Middag wird’s spannend. Geschätzt ein Drittel der Touris fehlt. Seathickness. Even one Viking is down – aber wir verraten nicht wer. Jørg und ich genießen das Middag:

Barents salad with delicious seafood and spicy mayonnaise Venison medallions with sautéed vegetables, potato purée and wild game sauce with blueberries Raspberries with sour cream.

Ein Teil der sautéed vegetables ist dunkel, wie rote Beete, eckig, lang, wie eine Pyramide geschnitten und ragt steil nach oben. Nach Wikingerart beiße ich das Tier tot. Innen ist sautéed vegetables weiß, etwas hart, aber ganz okay. Jørg verschmäht, ich esse auf. Später in der Bar erfahre ich, dass der Nachbartisch das Teil für Rentierpenis hielt. Meine Frage, warum das denn dann innen weiß war wird mit „jungfräulicher Rentierpenis“ beantwortet. Die zwei Frauen in der Bar grinsen mich an. Ca. 100 Watt. Jede. Aber, es war harte Birne und nix Fleisch.

Beim Essen gibt es weitere Ausfälle von „irgendwie keinen Hunger“ bis „och ich geh dann mal“. Viele haben äh Lebensmittelübergabetüten dabei. Es soll auch spontane Lebensmittelübergabe im Treppenhaus gegeben haben. Zum Glück ohne mich.
Unsere Bedienung ist so super nett, dass sie für den „Viking down“ noch einen Teller mit Kräckern parat macht. Man soll was essen bei Seekrankheit.

Ich setzte mich in die Bar und schreibe. Erst Tee, dann Bier dazu. Erst hilft mir Jørg, dann helfen Susi und Elli. Und leer ist es hier heute – tss tss tss. Dabei ist Trinken doch auch wichtig für die Gesundheit, oder?


@misc: Ich denke zwisch zwei und drei Stunden brauche ich. Schreiben geht recht schnell, aber Bilder aus der Kamera/Handy auf den Laptop, dann Aussuchen, Verkleinern und DANN Hochladen, das kostet bei langsamen Internet viel Zeit.

@Reisebüro meines Vertrauens: Super Reise, alles prima. Morgen oder so, bitte noch Polarlicht. Schließlich reisen wir auf einem Schiff dieses Namens.

BvF* Kkkkkk!


Kirkenes

Kirkenes

Kjedesager

Kjedesager

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Kjedesager

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Raue Barentsee


Das Programm von morgen:

01:00 an Mehamn
01:15 ab Mehamn
03:15 an Kjøllefjord
03:30 ab Kjøllefjord
06:00 an Honningsvåg
06:15 ab Honningsvåg
08:15 an Havøysund
08:30 ab Havøysund
10:00 Kapitän Kjell-Inge Jensen hat mich zur Brückenbesichtigung gebeten. Jørg auch.
11:15 an Hammerfest
12:45 ab Hammerfest
15:30 an Øksfjord
15:45 ab Øksfjord
19:00 an Skjervøy
19:45 ab Skjervøy
23:45 an Tromsø

Webcams:

Mehr Details gibt es in unserem Hurtigruten-eBook.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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3 Antworten zu Tag 7 – Kirkenes

  1. Susi schreibt:

    Was ist denn bitte Seedickheit ? You should have let me read and spell check this for you .

  2. Susi schreibt:

    Florian, bin ich froh das Du die Kettensägen gefunden hast. Warum Du aber keine gekauft hast weis ich nicht …….

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