Tag 10 – Torghatten

Der Mensch in Kirkenes liebt Kettensägen, der Mensch in Sandnessjøen liebt Bohrer. Ich bin wieder im Baumarkt BM. Wir haben 30 Minuten Halt in Sandnessjøen und ich nutze die Zeit, um nicht in die Stadt zugehen. Alle aber gehen in die Stadt, um das Denkmal von Petter Dass abzulichten. Der Reiseleiter hat das gesagt. Und man tut doch, was der Doktor, der Kapitän oder der Reiseleiter sagt. Wikinger tun, was sie wollen und sie treiben sich im Hafen rum, lichten die wunderbare 1131 Meter lange Helgelandbrua ab und einen Versorger mit dem seit einiger Zeit für hohe Wellen neu auf dem Markt befindlichen Bug. Und natürlich muss ich in den Baumarkt, die Jungs haben noch ein Date mit der Webcam. Ich hoffe mal, dass Hella und Franz und alle Wikingerfans und -frauen da draußen die richtige URL auch ohne mich hatten und die kleinen schwarzen Punkte als die Ihren erkennen konnten.
Im Baumarkt gibts Männerspielzeug und ich muss noch 150 Kronen loswerden. Die Kettensägenabteilung ist klein und es gibt auch kein Sonderangebot. Aber Bor gibt es, Bohrer. Tolle Teile, dick und verschiedene Spitzen, das habe ich in Bornheim beim Bauhaus noch nicht gesehen. Norweger können echt dicke Sachen bohren, wenn sie wollen. Zum Größenvergleich Hänge ich meinen Wikingerhelm mit ins Bild. Die Schutzkleidung fällt hier weniger prächtig aus, als in Kirkenes, dafür gibt es aber mehr Öfen.
Genug geschaut, ab zum Schiff. Ich will meinen Blog von gestern fertig machen, die Wikingerfrauen hatten heute früh nix mit ihren Männer zu „whats-upp-en“, kein Blog, keine Kommunikation. Na sowas!
Ich beame den Blogbeitrag von gestern hoch und eile auf Deck, eine Sünde bei diesem Wetter drinnen zu sein. Vor mir liegen die syv søstre, die sieben Schwestern: Botnkrona, Grytfoten, Skjæringen, Tvillingene, Kvasstinden und Breitinden. Das sind nur sechs, aber Tvillingen zählt doppelt, das sind Zwillinge. Die sieben Schwestern sind sieben Jungfrauen, die sich nach einer Verfolgung durch den König Hestmannen erschöpft niederwarfen. Bei Sonnenaufgang erstarrten sie zu Stein. Wie Frauen sehen die Berge irgendwie nicht aus. Ob man sie küssen muss, um sie wieder zum Leben zu erwecken?

Wir genießen den sonnigen Herbst, der da draußen leuchtet. Haben wir ein solches Wetter verdient? Ja! Aber es ist schon besonders fantastisch und ein großes Geschenk. Hans der Reiseleiter wird heuten abend sagen, dass er in sechs Jahren noch nicht so ein Wetter hatte. Ich hatte auf dieser Etappe bisher auch nur schlechtes Wettr mit Nebel und Regen. So freue ich mich zu sehen, was für eine schōne Schärenlandschaft da vorbeigeleitet.
Wir stehen an Deck und scherzen mit Susi und den anderen Passagieren. Nach über einer Woche kommt man sich näher. Es wird viel gelächelt. Noch eine Woche und wir laden uns gegenseitig zu Geburtstagsfeiern ein und bieten Gästezimmer an.
Wir halten in Brønnøysund. Zwei Wikinger stehen an Deck und genießen die Sonne, das Licht und das kleine Örtchen. Der dritte Wikinger kommt dann auch, er hatte wohl etwas Kajütendienst, der Arme.
Susi kommt, sie ist böse. Sie und ihre Kamera sind nicht gut im Blog weggekommen, sie könne zwischen den Zeilen lesen, sagt sie und lächelt. Ich entschuldige mich bei der Kamera, durch die kann man tatsächlich durchschauen kann. So ein gaaanz winziges Löchlein. Und ein Blitz hat das Teil doch. Wir lachen jedenfalls über Kameras und Bilder und Blitzen (Susi hat aber nicht geblitzt – jetzt ehrlich).
Der berühmteste Berg Norwegens nähert sich. Der 258 Meter hohe Torghatten. Da blitzt die Hurra-Kamerafraktion wieder auf Kommando. Oh wie ich das liebe. Der Reiseleiter sagt: Berg an unserer backbord-linken Seite. Alles strömt nach backbord (wenige nach steuerbord) und knipst. Und der Torghatten löst das Knall-Knipsen irgendwie verstärkt aus. Für diesmal habe ich mir fest vorgenommen, den Torghatten nicht zu fotografieren, ich muß mich gegen die Herde stemmen. Ich will lieber versuchen, möglichst viele Touris beim Torghatten schießen abzulichten.
Wir passieren den Torghatten und Kapitän Kjell-Inge Knurrhahn (Jørg nennt ihn so) fährt eine volle Wende, also eine 360-Grad-Kurve, damit man das berühmte Loch im Torghatten sehen kann. Wow, die MS Trollfjord hatte das 2009 nicht gemacht. Knurrhahn liebt offenbar seine Touris. Ich habe auch meinen liebevollen Spass. Ich lichte Knall-Knipser ab, diese halten auf das Loch im Berg. Sogar ein paar Blitze gehen los. Der Torghatten macht alle glücklich.
Es ist nun hoch an der Zeit für das Middag. Und heute ist Abschieds-Gala-Dinner, denn morgen in Trondheim verlassen viele bereits das Schiff. Ich werfe mich in Hemd, frische Jeans und Krawatte. Ne Krawatte hab ich immer dabei. Macht Eindruck und wiegt nichts. Dazu die Weste.
Meine zwei Wikinger – natürlich mit Streitaxt, in Fell und voller Rüstung – lächeln und machen Witze. Das ist normal, daran kann man nichts ablesen. Susi am Nachbartisch und ihre ältere Schwester (das schreibe ich nur, weil ich so charmant bin. Sie ist aber Susi’s Mutter – hat sie nun davon) lachen. Ich bin der einzige Mann mit Krawate. Sogar die Amis im großen Saal haben keine. Banausen alle! Die Krawatte bleibt am Hals, wäre ja noch schöner jetzt klein bei zu geben. Wir konzentrieren uns lieber auf das leckere Essen:

Viking wraps with marinated, seasoned and smoked salmon, sour cream and lettuce.
Classic pepper steak with Hasselback potatoes and pepper sauce
The ship’s ice cream bombe with fresh fruit salad

Dass es extra so n Wikingerlachs für uns gibt, ist natürlich toll und zeigt die Entschuldigung des Kapitäns für sein Fehlen am Tisch gestern. So ist’s richtig. Knurrhahn weiß, was sich gehört.
Die ice cream bombe ist von etwas viel Traumschiff geprägt. Licht aus, Wunderkerzen und so ne Prozession, aber dann keine Krawatte. Ha! Das gabs früher nicht auf den Hurtigruten. Oder?

Wir rödeln kurz auf, weil die Polarlichtvorhersagen kurz gut aus sehen, aber dann gibt Jørg der Informationsspezialisten Entwarnung. Nix wird’s mit Aurora Borealis. Gerödel in die Kajüte. Fertig. Bier. Blog. I
ch stelle mich noch an die Bar, die Folda schaukelt uns und unser Schiff. The Drink of the Day is „Sex on the Beach“. Davor hat mich meine Mutter immer gewarnt. Ich glaub, ich muss ins Bett.


De syv søstre

De syv søstre

Sandnessjøen

Sandnessjøen

Herbst in der Kommune Alstahaug

Herbst in der Kommune Alstahaug

Jagd nach dem Berg

Jagd nach dem Berg

Das Licht Norwegens

Das Licht Norwegens


Das Programm von morgen:

06:30 an Trondheim
10:00 ab Trondheim
16:30 an Kristiansund
17:00 ab Kristiansund
20:30 an Molde
21:30 ab Molde
24:00 an Ålesund

Webcams:

Mehr Details gibt es in unserem Hurtigruten-eBook.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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2 Antworten zu Tag 10 – Torghatten

  1. Hille schreibt:

    Lieber Florian, ich hab´ mich eigentlich viel zu spät für deinen Blog eingetragen….bin aber trotzdem ziemlich fasziniert von dem, was du gerade erlebst! Wunderbare Bilder und noch wunderbarere Kommentare! So komme ich allerdings überhaupt nicht zum Arbeiten, hier, im herbsltichen Hunsrück!
    Sei feste gedrücht von Hille!

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