Mittwoch 13.03.2013 – Tag #4: Golan-Höhen

Hier fing alles an, sagt Yossi. Hier liegen die Wurzeln eurer Religion. Wir stehen in Capernaum, einer kleinen Ausgrabungsstätte am See. Eine Kirche in Diamantform steht über den schwarzen Mauerresten einer ururalten Basilika, die das Haus des Kephas, des Petrus und seiner Familie markiert. Es ist sicher, das Jesus hier in Capernaum war, hier war das Zentrum seines öffentlichen Wirkens. Er hatte als junger Mann Nazareth verlassen, denn den ca. 60-70 EinwohnerInnen zu Predigen, die einen schon in Windeln oder ohne Windeln gesehen hatten, ist nicht zu machen, kann ich mir gut vorstellen und sagt auch Yossi. Diese Stelle hier wurde schon verehrt, bevor das Christentum Staatsreligion wurde und deswegen stehen hier auch die Grundmauern dieser uralten Basilika. Wir steigen die Stufen hoch zur modernen Kirche über der alten Basilika und feiern hier unseren Gottesdienst. Michael hat das Thema „Brot des Lebens“ gewählt. Mir geht durch den Kopf, dass etwas sehen und berühren können doch nicht so schlecht ist und das Haus des Petrus gerade unter uns, ist schon viel besser zu „begreifen“, als z.B. das Petrusgrab in Rom. Ein wunderbarer Gottesdienst. Wir singen inbrünstig und Michael macht seine Sache, wie immer sehr einfühlsam und gut. Wir fangen noch etwas „Heiligkeits-Atmosphäre“ mit der Kamera ein, aber eher, weil wir das so gewohnt sind, das wahre Einfangen hat das Herz schon gemacht.

Der Tag hatte mit der Laudes am Seeufer angefangen. Um 7 Uhr leuchtete eine hellgoldene Sonne schon ein Stück über den Bergen und bestrahlte die Bougainvileas hinter uns. Ein leckeres Frühstück folgte und ich setzte mich zu Yossi, der sich erst über das 4:0 von Barça freute und mir dann etwas zum Verhältnis Israels zu seinen Nachbarn erzählte. Er sagte, dass immer wieder Europäer kommen und ihm erzählen, wie Frieden herzustellen sei, aber sie leben nicht hier, sie kennen die Konflikte (nur) aus den Medien und sie hatten nie Söhne in der Armee oder waren selbst dort. Darauf ist nichts zu sagen und ich höre eher zu. Jedoch verkneife ich mir nicht zu erwähnen, dass ich mir wünsche dass Fussballländerspiele zwischen Israel und seinen Nachbarn möglich werden mögen. Eher kommt der Messias, sagte Yossi, aber er lächelte dabei.
Mit dem Bus ging es das kurze Stückchen nach Capernaum. Nach dem Gottesdienst erneut ein kurzes Stück zur Kirche der Seeligpreisungen.

So authentisch das Petrusfamilienhaus ist, so wenig ist es diese Stelle. Wo auch immer Jesus die Seeligpreisungen überall verkündet hat, die Kirche liegt in einer prächtigen Landschaft aus Blumen, Büschen und Bäumen, die alleine schon sehr prächtig sind. Die Kirche in Form eines Achtecks enthält innen die Seligpreisungen, pro Wand eine. Ich halte mich mehr an die Blumen und den Blick auf den See. Dann gehts in den Bus und wir fahren hoch in den Golan. Wir fahren in der Hula-Ebene, die ein großer trockengelegter Sumpf ist und eines der landwirtschaftliche Zentren Israels ist. Es grünt und blüht überall und es ist eine Freude in der Landschaft zu lesen. Wir fahren zu Mt.Bental, der auch augenzwinkernd Coffee Anan heisst (herbäisch für Café in den Wolken). Der Mount ist ein alter Vulkankegel und er liegt nahe der syrischen Grenze und Yossi erzählt vom Krieg 1967, als er einen Einheit Panzer befehligte, vom Jom-Kipurkrieg, als Israel schon aufgeben wollte, von dem Friedensvertrag, warum Israel den Golan braucht. Er zeigt uns das Dorf, wo vor kurzem Blauhelmsoldaten entführt wurden. Es ist still in der Gruppe und ich bin froh, dass Yossi kein Fanatiker ist, er stellt seine Sicht der Dinge vor, verlangt aber nicht, dass wir seine Meinung teilen. Aber ich merke auch, wie schwer hier der Weg zum Frieden ist, zumal die Gegner hier verschiedenen Religionen angehören. Das erschwert die Lage ganz sicher ordentlich.
In einem drusischen Dorf gibt es Mittagessen und es ist wieder zum Reinsetzen lecker. Die Araber bzw. Drusen verstehen es, mich glücklich zu machen. Sogar Irma, die erst sehr skeptisch schaute, räumt ernst nickend ein, dass das lecker war. Ich vermeide einen Nach-Nachschlag mit leisem seufzen.
Es geht mit dem Bus noch ein paar Kilometerchen bis Banjas. Hier stand einst das antike Caesarea Philippi. Yossi erklärt alles und Michael liest die passende Textstelle aus Matthäus 16 vor: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Vor uns erhebt sich über einer der Jordanquellen ein sehr mächtiger Fels und er macht die Textstelle viel eindringlicher, vielleicht sogar handgreiflich. Dass dieser Felsen unüberwindlich ist, versteht sich leicht. Mich wundert ein wenig, dass noch niemand hier eine Kirche obendrauf gebaut hat.
Wir fahren zurück nach Tabgah. Eine Gruppe will noch einen Spaziergang zur Brotvermehrungskirche machen, der ich mich eigentlich anschließen möchte, aber ich setze mich dann doch lieber ans Seeufer, schreibe und genieße ein Bier. Ab und zu schaue ich auf den See, der im Dunst, wie ein Meer wirkt, das Ufer drüben ist nicht mehr zu sehen und denke mir: Hier fing alles an.
Peterskirche in Capernaum
image
image
image


Das Programm für morgen:

5. Donnerstag, 14.03.2013
Fahrt nach Nazareth, Besichtigung der Heiligtümer
Nachmittags Fahrt zum Berg Tabor. Hl. Messe in der Verklärungsbasilika.
Rückfahrt zum See Genezareth. Halbpension im Pilgerhaus Tabgha.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
Dieser Beitrag wurde unter Israel veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s