Donnerstag 14.03.2013 – Tag #5: Papst, Nazareth und Berg Tabor

Der Tag beginnt mit dem Morgengebet am Seeufer um 06:30 Uhr. Wenn ich nicht so ne Eule wäre, könnte das ein Glanzlicht sein, so ist es immerhin ein Licht. Dann das leckere Frühstück. Heribert kommt um 7 Uhr, er war am See, die Laudes war schon zu Ende, das lag sicher an der kleinen Papstfeier gestern abend, da ist die Anfangszeitansage wohl an ihm vorbei geflogen.
Um 8 Uhr startet der Bus, recht früh für unser schmales Programm, aber Yossi will uns nicht hetzen müssen, wir wollen auch keine Pilgerhetze. Die Fahrt geht ein Stück am See entlang, dann rechts ab in die galliläischen Berge. In der Ferne liegt Safed auf einem Hügel. Da waren Maren und ich vor Jahren mal wandern.
Wir kommen an der Ebene von Hittin vorbei und sehen den Doppelhügel, die Hörner von Hittin. Hier verloren die Kreuzfahrer gegen Yussuf Sala ed Din, den wir im Westen gerne nur Saladin nennen. Eine Schlacht, die das Schicksal des Nahen Ostens bis heute bestimmt. Und sicher auch das Verhältnis der Christen zu den Muslimen.
An der Ampel eines kleines Örtchens erklärt Yossi, dass hier Kana ist. Es gibt drei Orte dieses Namens in Galliläa und an einem dieser Orte wirkte Jesus sein erstes Wunder. Hier in unserem Kana gibt es drei Kirchen (lateinisch, orthodox und uniert) und ich denke mir kurz (ketzerisch), dass wohl jede den original Hochzeitsort (mit antiken Weinamphoren) für sich reklamieren mag. Egal, da hier keine Pilgerströme halten, wird es auch wohl nicht so schlimm sein. Immerhin entdecke ich einen Laden, der damit wirbt, „Wedding Wine“ zu verkaufen.
Wir halten am Brunnen von Nazareth. HIER hat Maria Wasser geholt, so, wie es bis heute den Frauen zukommt (wenn es nur Brunnen gibt). Deshalb ist dieser Ort viel authentischer, als der, wo die Verkündigungsbasilika steht. Die orthodoxen Kollegen haben das begriffen und es gib eine kleine enge Kapelle von ihnen, die diesen Ort als den der Verkündigung an Maria verehren. Damit es keinen Streit gibt, hat eine schlaue Frau oder ein schlauer Mann die Legende in die Welt gesetzt, dass die Verkündigung zweimal erfolgte. Zuerst erschien der Engel Maria am Brunnen: Du wirst ein Kind empfangen und das wird der Messias, der Erlöser sein. Maria ging dann mit Wasserkrug ganz sicher staunend und ungläubig nach Hause und da erschien der Engel vorsichtshalber nochmal: Ja, es stimmt, Du wirst die Mutter des Allerhöchsten werden.
Meinem Herzen gefällt diese Geschichte, so ist friedlich alles gelöst.
Wir durchqueren die Altstadt von Nazareth, die SO schrecklich alt nicht ist, vielleicht 200 Jahre, sagt Yossi. Besonders beeindrucken mich die Elektroinstallationen, die frei und recht unisoliert in der Luft hängen. Da Chef Cziba auch Elektriker ist (das einzige Mal, dass ich mit ehrlicher Arbeit mein Geld verdient habe, scherzt er gerne), interessiert ihn diese Art der Stromversorgung auch. Yossi sagt, wir Deutschen sollen das nicht so eng und nur mit den Augen sehen, hier ist der Orient! Alte Häuser mit Strom zu versorgen erfordere halt eine andere Art, als wir in Deutschland kennen und es können nicht unsere Maßstäbe überall die richtigen sein. Natürlich hat er recht, aber ich mache trotzdem noch ein paar Bilder. Durch die orientalische Bazars geht zur Verkündigungsbasilika, der größten Kirche im nahen Osten. Hier wird das Haus der Maria (und des Josef, ergänze ich im Geist) in der Krypta verehrt. Ein wirklich riesiges Gelände und eine prächtige moderne Basilika, die fünfte, die seit 2000 Jahren hier steht. Viele viele Nationen haben Marienbilder geschickt und sie schmücken den Hof und die Wände in der Kirche. Viele verschiedene Mütter blicken verklärt oder lächelnd auf uns herab, sie haben Babies, kleine Erwachsene, kluge, wache oder schlafende Kinder im Arm, sie bringen (verborgene, politische, schwer erkennbare) Botschaften mit, sie sehen kitschig, streng oder klar und einfach aus, sie sind schwarz, rot, gelb oder hellhäutig, sie sind so verschieden, wie unsere Mütter verschieden sind. Echt prachtvoll. Kein Zweifel, dass Gott die wunderbare Vielfalt liebt. „Es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt“ fällt mir dazu ein, ein Satz von Josef Ratzinger.
Yossi erklärt ein paar Details der Kirche, nachdem wir ein Salve Regina gesungen haben – was aber mangels Lateinkenntnisse bei mir (und anderen) etwas kläglich ausfällt. Chef Cziba nimmt es mit Humor. Viele Fenster und Türen sind Geschenke. Frankreich, die Schweiz, Bayern und den Vatikan nennt er. Dann haben wir 40 Minuten Zeit, um zu meditieren, zu schauen und zu staunen. Die Fenster sind für mich am Besten. Ein Chagallschüler hat hier gewirkt, man erkennt den Stil seines Meisters wieder. Andere Fenster durchfluten den Raum in glänzendem rot und orange, es ist eine genussvolle Zeit für eine Lichtfan. Ich meditiere etwas abseits in der Unterkirche. Es gelingt mir die iPad- und Smartphone-Fraktionen zu ignorieren, die hier rastlos strömen, strömen, strömen.
Tolleranz gehört dazu, wer die nicht aufbringt, wird hier im heiligen Land keine Freude haben. Vielleicht ist dies die zweite Botschaft für mich heute.
Ich hole meinen Pelicase bei der Wache ab, den durfte ich – warum auch immer – nicht mit aufs Gelände nehmen. Immerhin hat man mir die Kamera erlaubt. Nun führt uns Yossi zu einem Falafelladen, wo wir eine Kleinigkeit zum Mittag nehmen. Yossi erzählt lustige Geschichten aus Deutschland, wo er mit einem Navi unterwegs war, das ihn laufend beschimpfte, er solle wenden und er es nicht abstellen konnte. Ich mag seinen Humor und er lächelt dazu so verschmitzt, das ist schon eine Freude. Ich mag auch, wie er Chef Cziba, unseren Pfarrer und geistlichen Leiter behandelt. Immer freundlich, respektvoll und hintergründig humorvoll. Ich glaube, er sendet ihm heimlich Botschaften.
Von Nazareth geht es zum Berg Tabor. Ein Berg, wie aus dem Lehrbuch. Obendrauf eine Kirche und ein Kloster. Da der Weg eng und steil ist, müssen wir in kleine Taxi-Busse umsteigen. Wir sind rechtzeitig oben, denn um 14 Uhr haben wir Gottesdienst in der Verklärungs“grotte“ unten in der Kirche. Und schon wieder macht Michael seine Sache sehr gut. Möge in uns allen die Kraft Gottes wirken. Und erstmals auf dieser Pilgerreise beten wir für den neuen Papst Franziskus.
Mit den Taxis geht es wieder runter und mit Jamil und unserem Bus geht es zurück an das Seeufer nach Tabgha.
Ich schreibe Blog, genieße die Luft am See, trinke ein Bier und tippe fleißig.

Und sonst?

  • Ich habe noch keine Klippdachse aufgespürt oder abgelichtet. Mit Mühe habe ich vom Bus aus einige gesehen, aber nicht so RICHTIG. Andere PilgerInnen waren wohlmerfolgreicher.
  • Im Foyer hängt ein Bild von Papst Benedikt. Ich dachte, so ab heute Mittag wäre villeicht ein Franziskus da, aber so schnell ist man hier wohl nicht.
  • Anne grüßt ihren Vetter Josef!

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Das Programm für morgen:
6. Freitag, 15.03.2013
Hl. Messe in Tabgha – Dalmanuta
Besichtigung der Heiligtümer am See; Brotvermehrungskirche – Primatskapelle.
Mittagessen Pilgerhaus tabgha. Nachmittags Bootsfahrt auf dem See.
Abends Fischessen bei Gino.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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