Montag 18.03.2013 – Tag #9: Ölberg und Kreuzweg

Die Sonne geht über Bethlehem auf, als ich mich zur Laudes rüste. Wir beten in einem kleinen Raum auf unserem Flur. Dann gehts zum Frühstück, welches außerordentlich prachtvoll ausfällt, da man sich vom Koch ein Omelett machen lassen kann, was ich viel zu spät bemerkte – ungewöhnlich.
Dann starten wir zum Ölberg. Hier spricht jeder Stein, jeder Olivenbaum, jede Grotte die magischen Worte: Hier war es, genau hier. Einige Stellen flüstern nur, manche sagen: Der Überlieferung nach. Aber klar ist, es war auf der Ostseite von Jerusalem. Hier liegt das Kidrontal und der Ölberg. Wo genau es war, ist mir im Moment nicht so wichtig.
Wir beginnen mit der Paternosterkirche. Hier gedenkt man des Vaterunsers. Wir beten unten in der Grotte und schauen uns dann die zahlreichen Kacheln an, die in den unzähligen Sprachen der Welt das Vaterunser wiedergeben. Deutsch, Plattdeutsch und Helgoländisch finde ich. Uedorfer- oder Bornheimer- oder wenigstens „uns Kölsch Sproch“ fehlt noch. Vielleicht waren ja keine Rheinländer bei den Jüngeren?
Wir gehen über den Ölberg und erfreuen uns an der Aussicht auf die Altstadt mit Grabeskirche und Felsendom. Yossi erklärt uns alles, was sich seit dreitausend Jahren hier zugetragen hat. Ein Reinigungsmensch vertreibt uns mit einem Hochdruckreiniger. Ob er schon für Obama putzt?
Wir gehen zur Kirche Dominus Flevit, hier (oder da) weinte Jesus über Jerusalem. Ungewöhnlicherweise ist die Kirche nicht nach Ostern auf den Sonnenaufgang, sondern auf die Auferstehungskirche ausgerichtet, die bei uns ja Grabeskirche heißt. Wir feiern Gottesdienst in Dominus Flevit und wir gedenken heute Elisabeth’s Mann Bernhard und meiner Mutter, die heute Todestag hat oder wie Michael es sehr schön ausdückt: Ihren zweiten Geburtstag in der Ewigkeit feiert.
Gottesdienst mit Blick auf Jerusalem ist schon was ganz besonderes. Lasst euch das nicht entgehen, wenn ihr mal ins heilige Land pilgert!
Wir klettern den Berg runter und betreten den Garten Gethsemani, der Olivenbäume enthält, die wirklich sehr sehr alt sind. Yossi sagt über zweitausend Jahre zum Teil. Aber empfindet man anders, wenn es nur tausend Jahre wären?
Im Garten steht die Kirche, wo der Stein verehrt wird auf dem Jesus Blut schwitzte und die Sünden der Welt auf sich nahm. Die Kirche wird von Alabasterfenstern beleuchtet, die ein wunderbares Licht erzeugen. Es gelingt mir, geduldig und gelassen zu bleiben, als ich einen Pilger in sein Handy quaken sehe (und höre). Vielleicht fühlt sich ja auch jemand von meiner Kamera gestört, die mehr wiegt als alle kleinen Knippsies, der PilgerInnen um mich rum? Pilgern braucht Toleranz und wer (noch) nicht genug davon hat, lernt es in Jerusalem.
Wir besuchen noch die Grotte, wo die Apostel schliefen, statt zu wachen, das Grab Mariens, das von Josef und die von Marias Eltern Anna und Joachim.
Wir klettern in unseren Bus und fahren zurück Richtung Ramat Rachel, aber daran vorbei. Heute Mittag essen wir im Elyas Kloster. Ich nehme den russisch-orthodoxen Grillteller mit Reis und Salat, dazu das freie WLan. Sehr gut. Zum Kaffee setzt ich mich zu sebigbos und einem Einheimischen. Der erzählt von seinen arabischen Freunden, von Ägypten, dass dort jede Nacht Mensch verschwinden, von Rettungswagen, die Araber retten – ganz selbstverständlich, dass aber bei uns in der Presse aber nur steht, wenn Steine geworfen werden. Ob er glaubt, dass sebigbos und ich die Presse steuern? Wahrscheinlich ist, dass ihm Klugscheißer auf den Senkel gehen, die mal eben ein Lösung für den nahen Osten dabei haben. Aber weder ich – sebigbos schon gar nicht, gaben da einen Anlaß. Ich hatte nur erwähnt, dass das Internet hilfreich sei. Man kommt ohne nach Geschlecht, Rasse, Religion, Abstammung etc. sortiert zu werden an identische Informationen. Das war in der Menschheitsgeschichte noch nie so. Und ich halte das wohl für den größten Fortschritt, den ich selbst miterleben konnte.
Dazu kann die Presse oder eine Regierung nicht X behaupten, wenn zig Bloggerinnen Y schreiben und das mit Videos oder Bildern belegen.
Ich denke, wenn es eine einfache Lösung für den nahen Osten gäbe, hätten wir die längst. Gleiches gilt für Finanzkrisen und Arbeitslosigkeit.
Jamil hat den Bus vorgefahren, Yossi kommt und ruft „Yalla“. Also springen wir in den Bus, wo Schwester Elisabeth bereits die Medizin gegen ‚mir ist ibel‘ verteilt.
Am Damaskustor verlassen wir Jamil, der den Bus zum Jaffa-Tor bringt. Wir durchqueren die Altstadt, gehen am Österreichischen Hospiz vorbei und beginnen am Anfang der Via Dolorosa das Gebet des Kreuzweges. Michael, betet vor, wir beten nach. Yossi beschützt uns und regelt bei Bedarf den Verkehr an uns vorbei. Die letzten fünf Stationen beten wir auf dem Dach der Grabeskirche. Da man dies an den richtigen, also den überlieferten Plätzen weder kann, noch darf. (Es ist sehr peinlich, wie zerstritten die christlichen Parteien hier sind und dass man als Folge z.B. nicht überall in der Kirche singen darf.)
Wir bekommen dann Zeit für die Grabeskirche. Am Salbungsstein ist es eng, aber meine Toleranz brauche ich nicht. Keine Sonnenbrillen, Handys oder Kleinkinder werden hier heilig geschrubbelt. Gut so. Viele knien hier und legen demütig die Hand auf den Stein. An der Rotunde des Heiligen Grabes steht still eine lange Schlange. Sie warten alle, um kurz an den heiligsten Ort der Christenheit zu kommen, um anzufassen oder zu schauen und um ihre Bitten, Sorgen, Nöte und ihren Dank dort abzulegen. Da wir hier am Donnerstag noch Gottesdienst haben, bete ich in einer ruhigen Ecke, bis Michael kommt und sagt, die Kapelle der Orthodoxen sei offen. Das ist neu. Ich bin zum vierten Mal hier, bisher war die immer zu. Ich schaue mir die Kapelle also an, besonders das Mosaik der Kuppel ist prächtig.
Die sehr tief gelegene Kreuzauffindungskapelle mag ich besonders. Hier ist blanker Fels, da bekommt man einen Eindruck, wie ein jüdisches Grab in einem Steinbruch ausgesehen haben könnte. Und still ist es hier, wenige PilgerInnen bewältigen die vielen Stufen.
Hier kann ich nun meine Wünsche, Bitten und meinen Dank ablegen.
Draußen strahlt die Sonne und wir zwängen uns durch die engen Gassen zum Jaffa-Tor. Da noch Zeit ist, folgt noch eine Runde shoppen in der modernen Passage hinter dem Tor. Die Damen nutzen die Chance auf ein Eis oder einen Cappuccino.
Wir sind ziemlich platt im Bus und ich bin froh, dass ich nach dem Abendessen in mein Zimmer entschwinden kann.

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Das Programm für morgen:
10. Dienstag, 19.03.2013
Fahrt nach Ein Karem. Hl. Messe in Ein Karem „Mariä-Heimsuchungs-Kirche“
Rundfahrt durch die Jerusalemer Neustadt einschl. Besichtigung des Israels-Museum, sowie des Holy-Land-Modells und des Schrein des Buches.
Besuch der Gedächtnisstätte Yad Vashem.
Halbpension und Übernachtung im Paulushaus.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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Eine Antwort zu Montag 18.03.2013 – Tag #9: Ölberg und Kreuzweg

  1. Elke Junior schreibt:

    Liebe Israel-Pilger, viele Grüße aus dem naßkalten Köln. Genießt die Wärme, denn ab morgen ist wieder Schnee angesagt. Ein wenig beneide ich Euch, vor allem die, die auch 2005 im Hl. Land waren, dass Ihr die Papstwahl in dem Land, aus dem auch Petrus kommt, erleben durftet. Für mich war das 2005 etwas ganz besonderes. Ich hoffe für Euch und wünsche Euch, dass Ihr den Gottesdienst in der Engelskapelle habt. Die Gottesdienste, die ich dort erleben durfte, gehören mit zu den beeindruckensten und unvergesslichen Dingen der sowieso einmaligen Pilgerreisen. Dank Deines tollen Tagebuches, lieber Florian, habe ich das Gefühl, mit dabei zu sein. Ganz liebe Grüße an alle, besonders an Tante Elisabeth und Euch allen noch eine traumhafte und unvergessliche Zeit!!!

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