Tag #10 – Marienwerder und Baldram

Wir verabschieden uns heute von Łeba und fahren nach Pelplin. Pelplin im ehemaligen Westpreussen ist für uns Ausgangspunkt für Familienforschung für E* und M*.
Wir frühstücken, bezahlen und fahren bei prächtigen, aber doch heißer werdendem Wetter nach Pelplin. Doris zickt rum und ich ignoriere sie weitgehend. Die Route von PocketEarth auf dem Smartphone ist super, der folge ich. Ein Lidl unterwegs bremst mich kurz, die Damen müssen mal schauen und Kleinigkeiten einkaufen.
Wir fahren auf Danzig zu, halten uns auf der wunderbaren Autobahn südlich und fahren bis Pelplin. Hier ist Station für die nächsten Tage. Kurz ins Hotel, kurz nen Happen Essen, dann geht es weiter, wir haben viel zu tun.
Wir fahren nach Kwidzyn, das hieß früher Marienwerder. Hier starb am 25.4.1916 der Urgroßvater von E*: Gustav Adolf Bahlau. Und die Großtante von E* Ida Bahlau hatte in der Breitestrasse 42 ein „Atelier für moderne Photographie“. Wir wollen schauen, was noch zu finden ist.
Die wunderbare große Backsteinkirche ist offen und wir schauen uns alles an. Als wir fertig sind und zur Breiten Straße wollen, spricht mich ein freundlicher Herr mit Schlüsseln in der Hand an. Er kann gut deutsch, gehört zur deutschen Minderheit und ist offenbar Küster. Er zeigt uns nochmal die Kirche und macht eine private Führung. Er zeigt auch, wo einst die Breite Straße war, aber die Russen haben die Häuser dort nach und nach abgebrannt, heute stehen dort neue Häuser, die Polen gebaut haben. Das Photoatelier ist also verbrannt, kaum anzunehmen, dass es die alten Photoplatten noch gibt. Er sagt auch, dass der alte evangelische Friedhof nun ein Park ist und sich rechts der alten katholischen Kirche befindet.

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Nach einer sehr interessanten Führung bedanken wir uns, umkreisen Burg und Kirche, die zu einem Bauwerk verschmolzen sind und gehen dann die Breite Straße lang – die Pracht von einst ist verschwunden, nur wenige offenbar alte Häuser stehen noch.
Wir erreichen die alte katholische Kirche und finden auch den Park, der einst Friedhof war.
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(53º 43′ 51″ N, 18º 55′ 25″ E)
Hier steht ein Gedenkstein, der an den alten Friedhof erinnert. Ein Springbrunnen plätschert und Kinder spielen in den goldenen Sonnenstrahlen. Eine gute Lösung mit einem Friedhof umzugehen, dessen Gräber keiner mehr pflegt – viel besser, als Wohnblocks drauf zu bauen.

Nun geht es nach Baldram (da hat sich der Name nicht geändert), hier hatte Gustav Adolf Bahlau mit seiner Frau Auguste Dorothea Bahlau geb. Liedke einen Hof zur Zucht von Kutschpferden, E*’s Mutter Marianne Schmidt war dort bei den Großeltern in den Ferien öfters zu Besuch. Aus dieser Zeit gibt es zwei Bilder, die uns weiterhelfen sollen.

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Eins zeigt E*’s Mutter Marianne zu Pferd, das zweite Bild zeigt ein Gespann mit einem (kläglichen Stück von) Gebäudeteil. Viel mehr haben wir nicht, um zu schauen und zu fragen, was sich noch finden lässt.
Wir parken und gehen die wenigen Häuser des kleinen Straßendörfchens ab. Was sieht alt aus, was kommt in Frage? Einen alte Frau – sie heißt Helena, wie sich später herausstellt – jätet Unkraut an ihrem etwas wackligen Häuschen. M* zeigt ihr die Bilder. Helena sprudelt polnisch, M* spricht langsam deutsch – aber obwohl niemand sein Gegenüber versteht, versteht man sich prächtig. Helena lässt Unkraut liegen und zieht sich hilfsbereit ihr bestes Jäckchen an und begleitet uns nun fröhlich schwatzend durchs Dorf. Zusätzlich umkurven uns Jungs auf Fahrrädern, sie wollen offenbar auch Anteil an dem neuen Dorfereignis.
Wir erreichen einen Stall, wo eigentlich alles stimmt. Fenster und Bögen passen zu dem alten Bild und die alte Wetterfahne auf dem Dach führt ein Pferd im Schilde. Helena schnattert, ich mache Bilder, M* umkreist vorsichtig den alten Stall. Es ist schon ein Abenteuer. Aber wir sind schnell sicher, dass ist der Platz, wo die alten Bilder entstanden sind. Es gibt einfach keine Alternativen. Nur dieser Stall in Baldram passt zum Bild.
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M* befragt noch ein paar Einwohner, die nun auch mitmachen wollen, was aber keine neuen Erkenntnisse bringt. Von Helena haben wir ihre Adresse, sie will ein Foto, was ich von ihr, M* und E* aufgenommen habe geschickt bekommen. Werden wir ihr schicken, sie war so nett und hilfsbereit!
Eine ältere Dame spricht uns dann am Auto auf deutsch an, sie ist seit 70 Jahren in Baldram – Flüsterpropaganda im Dorf ist schnell. M* und E* zeigen ihr die Bilder, aber es ist zu viel Zeit vergangen, sie erkennt keine Person mehr. Von Bildern von 1914 – 100 Jahre her – erwartet das eigentlich auch niemand.
Und ehe gleich der Bürgermeister uns zum Empfang bittet und das Zelt auf der Festwiese aufgebaut wird, fahren wir zurück nach Pelplin.

Wir finden eine Pizzeria. Ich bestelle Hawai, weil ich viel mehr auf der polnischen Karte nicht identifiziere und esse meine erste Pizza mit Ananas, Pfirsich, Käse und Mayo. Man könnte sich schütteln.
Nach dem Tag aber – einfach köstlich.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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