Tag #12 – Danzig

Um 9 Uhr gehen wir wieder rüber ins Collegium Marianum zum Frühstück. Statt Spiegeleier gibt es heute einen leckeren Gemüse-Fleischsalat. Prima.
Einige Zeit später sitzen wir dann im Auto und fahren auf der Amber One (nettes Wortspiel), der Bernsteinautobahn nach Norden. Wir biegen nach Danzig ab und erreichen das Centrum. Sehr enge Parkplätze, zugeparkte Autos – hu, das wird schwer einen Parkplatz zu finden. Nicht für Diego. Wir nähern uns gerade dem Zielgebiet, da wird vor meiner Nase ein Parkplatz frei und schwups bin ich drin. Jetzt geht wieder das Münzenkratzen los. Hast Du noch Kleingeld? Nö. Ich aber. Gib mal her. So kommen wir legal geparkt erstmal bis 15 Uhr.
Jetzt geht es los Richtung Uphagenhaus. Das Haus gehört seit 1910 der Uphagenstiftung und (jetzt kommts) der Großvater von E*, der Schiffsingenieur Hans Benjamin Wilhelm Schmidt war im Stiftungsrat und deswegen wollen wir das Haus, ein wichtiges Baudenkmal Danzigs, mal sehen und besichtigen.
Auf dem Weg zur Langgasse 12 (heute ulica Długa) kommt uns die Marienkirche, eine der größten Kirchen Europas in die Quere, klar, dass wir da rein müssen. Die Damen müssen aber erst noch austreten, ich gehe schonmal rein – wir treffen uns drinnen oder hier vor der Kirche. Okay.

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Ich schaue mir diese riesige Backsteinkirche an, die innen ganz weiß verputzt ist. Nicht so mein Geschmack. Ganz viel Papast Johannes Paul II ist zu sehen. Bilder, Büste, Wappen, Reliquie(?) … Er wird sehr verehrt, hat ja auch viel erreicht für Polen. Der Boden ist von großen Grabplatten bedeckt, alle unleserlich. Laut der Auskunft unseres Führers in Marienwerder heißt das, die hier Begrabenen habe ihre Sünden verbüßt – „wenn Schrift noch zu sehen, Verstorbene müssen noch weiter bießen“. Eine schöne Geschichte – und hier ist alles verblasst, also verbüßt. Gut.
Ich finde mich wieder draußen ein. Von M* und E* nichts zu sehen. Dafür meine Freundinnen und Freunde, die Kinder mit heute roten Käppies, die Schulklassen. Sie essen Chips machen Bilder mit dem Smartphone und sind gut drauf. So langsam … könnten … meine ich, die Damen … ah, da sind sie ja. Ja, jetzt auf in die Kirche. Wie, ihr ward noch nicht? Nein, das war ein öffentliches Klo und wir brauchten Münzen und weil wir keine hatten mussten wir erstmal einkaufen gehen und schau mal, was ich für Claudia gefunden habe …
Okeee, dann also in die Kirche. Ich besichtige sie nun zum zweiten Male. Viel von Papst Jana Pawła II …
Die Damen wollen nun auf den Turm steigen. Ich schaue mir die Treppe an, sehr niedrig, sehr eng. Der Reiseführer nennt den Aufstieg ’schmerzhaft‘ und bis aufs Dach braucht man 400 Stufen. Nö. Danke ohne mich. Ich setzte mich in eine Bank, bekomme die zwei Rucksäcke zur Bewachung und weg sind die zwei. Meine Gedanken treiben im Strom der Leute, versuchen die Kunstwerke zu verstehen, denke an meine Mutter, die gestern Geburtstag hatte, studieren das Gewölbe und ich frage mich, woher die Baumeister wußten, dass Backstein geeignet ist, so hohe Türme und Mauern zu halten. Die unterste Reihe Backstein könnte doch unter der Last zerbröseln und dann wars das mit dem Turm. Hm. Wie die Zeit vergeht … da sind die Damen wieder da.
Jetzt aber geht es zum Uphagenhaus. Aber nicht so schnell. Die Straße führt auf das prächtige Zeughaus zu – da kann man nicht ohne angemessenes Staunen vorbei.

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Auch die Häuser zu beiden Seiten sind prächtig und dann muss man ja auch nach Geschäften und Restaurants schauen (der Plan ist: heute keine Pizza) und den Schulklassen ausweichen.
Das Zeughaus liegt Minuten später hinter uns, wir wenden uns in die ehemalige Langgasse und finden schließlich das Haus Nr.12, das Uphagenhaus. Jetzt rein da.

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Der Mann an der Kasse hat kein Kleingeld und wenn wir nicht schon Münzen zusammengekratzt hätten müssten wir es nun tun. Aber schließlich ist der Deal perfekt und wir schauen uns das Haus von innen an. Circa vier Wärterinnen freuen sich, ihre Smartphonetipperei, ihre Telefonate und Schwätzchen zu unterbrechen, denn hurra es gibt heute wieder mal BesucherInnen. Argwöhnisch beeugen sie meine Kamera – der Bursche will doch wohl keine Bilder machen? Es hieß, das sei verboten, es stand aber kein Verbotsschild am Eingang, andererseits habe ich auch nicht so genau auf sowas geachtet, das macht es bei der „sorry – hab ich nicht gewußt“-Diskussion leichter und ein Bild hat man dann schonmal. Ich trickse die Wärterinnen aus – Spiegel sind da sehr hilfreich und mache ein paar Bilder. Ich bin immerhin Schwiegerenkel eines Stiftungsrates!
So langsam meine ich – wir nähern uns gerade Wärterin fünf, sie bewacht die Küche – wir könnten doch jetzt mal zur Weichsel, zur Häuserfront am Wasser, zu den Schiffen und überhaupt etwas zügiger durch die Stadt…
Die Damen nutzen ein schattiges Plätzchen im Hof – eine gemütliche Bank lädt ein und knabbern selbst eingekauftes Gemüse.
Ich beglückwünsche mich still für meine ruhige Art und meine Mama im Himmel tut dies sicher auch.
Eine Möhre und einen schönen Eintrag von E* im Gästebuch später, darf der allseitige Besuch der Haustoilette nicht fehlen.

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Wir gehen nun (endlich) auf den Rathausturm und den Neptunbrunnen zu und erreichen zügig das Wasser. Mir scheint, dass weitere Langsamkeit nicht gut für meine Laune ist und ich schlage eine Bootsfahrt zur Westerplatte und zurück vor. Och nö. Okay, ich alleine.
Bei Bootstouren nimmt ein Wikinger nur erbeutete Frauen mir, nicht die eigenen. Aber aus Höflichkeit fragt man besser.
Da ich Beutefrauen heute nicht dabei habe, gehts allein an Deck, natürlich mit einer Schulklasse, die zu den Käppis auch noch Halstücher in grün und orange trägt. Kurzes Winken zu den Damen, sie wollen die Parkuhr verlängern, Einkaufen und Kaffeetrinken. Na, für knapp zwei Stunden sicher ein ambitioniertes Programm😉

Mein Schiff, die Danuta fährt nun den Weichselarm zwischen Speicherinsel und Stadt nordwärts zur Mündung.

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Wir passieren das berühmte Krantor, die Danziger Werft, die früher Leninwerft hieß (von der Solidarność sagt die Tonbandfrau nichts), wunderbare, riesige Kräne, russische Fischtrawler, Autofähren, Trockendocks, die preussische Festung Weichselmünde und nähern uns dem Anlegeplatz.

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Da liegt aber so ein künstliches Piratenschiff, was aussieht wie eine Karavelle, aber ein verkleidetes Motorboot ist. Wir fahren also weiter zum Ende der Halbinsel Westerplatte, wo das Denkmal in Sicht kommt.

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Die Tonbandfrau erzählt vom Angriff des Linienschiffes Schleswig-Holstein am 1.9.1939 und dem heldenhaften Kampf der polnischen Wachsoldaten, die sich nur einen Tag halten sollten, dann wäre Verstärkung da, aber die Verstärkung blieb aus und so kämpfte man achtbare sieben Tage, bis man sich ergab.
Den Angriff auf die Westerplatte durch die Schleswig-Holstein kannte ich, wir hatten schließlich Herrn Dr.Simon in Geschichte, aber der heldenhafte Kampf war mir neu. Da schreckt mich ein Lied hoch.

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Die Kinder haben sich versammelt und singen ein patriotisches Lied. Ganz ernst. Details finde ich später „im Internet„.
Nun gehts zurück, wir legen kurz an und nehmen dann die selbe Strecke zurück zur Altstadt. Die Tonbandstimme ist nun still, hat sicher Halsschmerzen nach so viel Arbeit – 45 Minuten Polnisch und Deutsch ohne Pause.

Meine beiden Damen erwarten mich fröhlich am Anleger. Wir schlendern nun gemütlich zur Restaurantempfehlung des Reiseführers, einem kaschubischen Restaurant. Hier tafeln wir prächtig. Ich könnte euch Details berichten und zeigen, aber ich meine, es war schon genung zu sehen und zu lesen heute.
Wir schleichen uns zum Auto, fahren zurück nach Pelplin und ein weiterer schöner Tag ist zu Ende.
Was Danzig doch für eine schöne Stadt ist und ein Lob für all die fleißigen Menschen, die sie wieder aufgebaut haben.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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2 Antworten zu Tag #12 – Danzig

  1. hodoblog schreibt:

    So reist man doch gern mit. Jeden Tag freue ich mich auf Deinen Blogeintrag. Wie kommt man auf diese Idee? Urlaub im Land der Vater-Väter.

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