Das bessere Los – Tag #4

Yossi hat die Laudes abgesagt. Wir müssen zu früh los. Ich bete für mich alleine, das geht und natürlich einen Hauch schneller. Um 6 Uhr war Wecken, um 6:30 Uhr Frühstück. Um 7:30 Uhr fährt der Bus.

Yossi war fleißig heute Nacht. Er hat alle Klippdachse informiert und so sitzen sie auf den Steinen und grüßen zu uns herüber. Süße große Meerschweinchen, die die Morgensonne genießen, statt zu heiligen Orten zu eilen, um Zeitfenster einzuhalten. Wer hat wohl das bessere Los erwischt?

An der Primatskapelle geht es in unserer heiligen Messe heute, um Petrus und den Text aus Johannes, Kapitel 21. So toll, wie der Fischer oft dargestellt wird, war er nicht. Er war auch schwach, er hat abgestritten Jesu zu kennen, aus Angst, dass es ihm vielleicht auch schlecht geht.
Ich finde, einen Feigling, vielleicht einer, wie Du und ich, ist sympathischer, als ein unerreichbares Denkmal. So haben wir auch alle noch die Chance Fels zu sein! Super, oder?

Nach der Primatskapelle, dem letzten der vier Heiligtümer hier am See, geht es nach Safed, der Stadt auf dem Berg, die nicht verbogen bleiben kann.
Hier treffen wir auf den Wahlkampf. Heute ist Wahltag in Israel und alle haben frei. Und anders als bei uns, darf man heute noch Wahlkampf machen. Safed wird als heilige Stadt des Judentums von vielen Orthodoxen bewohnt und so sehen die Wahlkampfstände am Straßenrand für uns bunt und ungewohnt aus.
Wir gehen mit Yossi durch die Altstadt. Er erklärt uns Schilder, Häuser, die Kabala und das Judentum. Wir besichtigen eine Synagoge und den Basar.
Durch die Blütenpracht des Hula-Tales geht es nun weiter nach Norden. Blühende Mandelbäume und Orangenhaine säumen die Straße. Von den Zugvögeln, die hier regelmäßig rasten sehe ich nur ein paar Störche. Aber die sind offenbar guter Laune.
Nächster Halt ist Cäserea Philippi – heute heißt die Siedlung Banyas. Hier ist eine der drei Jordanquellen. In der heiligen Schrift wählt sich Jesus hier Petrus als Nachfolger (der ihn noch verraten wird) und sagt, Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche baue. Ja und wenn man dann diesen Felsen in Banyas sieht – dann wird dieses Wort noch ein bisschen mächtiger als es so schon ist.
Wir singen eine Runde, hören den zu Cäserea Philippi passenden Text aus der Bibel und lauschen den hintergründigen Erklärungen von Yossi, bevor wir Jordanwasser abfüllen, um die kommenden Taufen zu Hause zu heiligen. Pfarrer C* füllt nichts ab, er findet, dass von ihm geweihtes Wasser einfach mehr drauf hat 💪.
Nun geht es in ein drusisches Dorf zum Essen. Wir nehmen alle die große Falafel-Prachtplatte mit Flatrate-Nachschub und freundlicher Bedienung. Weil C* wohl wegen des Jordanwassers noch was knurpsig aussieht oder so verhungert, bekommt er noch zwei Prachtfleischspieße XL extra dazu und?, ja da strahlt er wieder 😊

Der nächste Halt ist an der Grenze zu Syrien und hier wird es ernst. Yossi erklärt uns 6-Tage- und Jom-Kippur-Krieg, Irak, Iran, Syrien und IS. Eine stille Wut brennt in Yossi. Er macht klar, dass wir unsere Informationen über die Medien haben, er hat seine aus erster Hand – er war bei Jom Kippur 1967 dabei. Er sagt, Israels Teppich ist nicht weiß, es ist ein Teppich mit schwarzen und weißen Flecken. Aber auch: Israels Feinde können viele Kriege verlieren, Israel nur einen. Dafür nimmt Yossi bzw Israel in Kauf, dass Israel in der Welt schon mal unsympathisch rüber kommt, dafür aber heute noch lebt.
Eigentlich wäre jetzt eine Debatte fällig, aber Yossi will von uns keine Argumente und keine Vorschläge für einen vielleicht unlösbaren Konflikt.
Ich denke noch ein bisschen nach, als wir durch blühende Landschaften fahren. Beten ist vielleicht eine gute Idee. Oder Bildung für alle Völker hier …

Wir erreichen den See. Nach dem Abendessen gibt es heute noch einen Vortrag über den Kibbuz und die ersten Pioniere. Morgen dürfen wir 30 Minuten länger schlafen, weil unser Gottesdienst in Nazareth was später ist. Wieder ein guter Tag, wenn mir auch der Krieg noch was im Magen liegt.

Primatskapelle

Safed

Angelika füllt Jordanwasser ab.

Jordanquellen in Banyas.

Gruppenbild ohne F* und Elisabeth.

Entspannung und Erleuchtung am See Genezareth.

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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