En Kerem und Yad Vashem – Tag #11

Um 5:00h weckt die arabische Stimme im Telefon. Um 5:30h ist Laudes, kurz vor 7h sitzen wir im Bus. Es geht nach En Kerem. Vorher müssen wir Uriel einladen, aber wegen Staus zieht sich das 30min und wir holen Schlaf nach. Als Uriel dann da ist geht’s schnell. Vom Busparkplatz geht es hoch zur Kirche. Traditionell beten wir dabei den Rosenkranz.

Der Hof der Kirche ist mit dem Magnificat in verschiedenen Sprachen verziert. Dieses wunderschöne Gebet wurde (der Tradition nach) hier zum ersten Mal gebetet. Maria mit Jesus schwanger besucht Tante Elisabeth in En Kerem, die schwanger ist mit Johannes dem Täufer. Und bei der Begrüßung sagt Maria:

Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter…

Ein sehr kraftvolles Gebet und die Kirche betet es in der Vesper (dem Abendgebet) jeden Tag.

Auf der anderen Seite des Tales liegt die Johannes-Kirche. Von hier stammt das Benedictus, was wir jeden Morgen in der Laudes beten.
So spannt der Tag, wie ein Bogen über das Tal mit Morgen- und Abendgebet. Darauf weist Pfarrer C* in der Predigt hin.
Nach dem Besuch der genannten Johannes-Kirche, geht es auf den Herzl-Berg und ins Israel-Museum. Wir schauen uns im Modell Jerusalem zur Zeit Jesus an.

Uriel erklärt sehr gut, warum Jesus die Essener kannte und warum der Hügel Golgotha mit Steinbruch bei den Römern vor der Stadt lag, die Grabeskirche aber heute mitten in der Altstadt steht.

Wir schauen uns auch noch die Jesaja-Rolle im Shrine of the Books an, die in Qumran gefunden wurde. Für die sehr alte jüdische Religion, eine Buchreligion, bedeutet das mehr als die Himmelsscheibe von Nebra für uns bedeutet.

Leider empfängt Herodes heute nicht, da hätte ich gerne noch vorbei geschaut.

Aber ein paar wirklich schöne Kunstwerke hat es hier noch und ich mache einen Rundgang.

Niemand steckt die Hand in den Mixer und niemand kommt gerne nach Yad Vashem zurück. Hier wird des Holocausts gedacht und es dreht mir immer das Herz um.
Wir essen erstmal – eine kluge Idee. Nach dem Besuch habe ich sicher keinen Hunger mehr.

Das Restaurant ist voller weiblicher Soldatinnen. Sie haben alle lange Haare, telefonieren mit bunten Smartphones, haben bunte Rucksäcke dabei und tun ganz ungezwungen das, was Frauen mit Anfang 20 bei uns in der Mensa auch so tuen. Nur haben die Damen hier zum Großteil ein Schnellfeuergewehr dabei.
Die Soldatinnen schauen sich auch Yad Vashem an. Ich finde gut, dass hier nicht nur alte und mittelalte Figuren unterwegs sind.

Wir müssen durch die Ausstellung. Ich ziehe die Rüstung fest, setzte den Helm auf und marschiere los. Überall stehen die Soldatinnen in Gruppen und bekommen Vorträge zu hören. Nicht immer kommt man gut vorbei.
Tja und dann erwischt es mich doch. Ein Brief eines Mädchens an seine Mutter, offenbar aus einem Todeszug nach Auschwitz geschmuggelt. Liebe Mama, mach Dir keine Sorgen, ich hoffe in ein paar Monaten bin ich wieder zu Hause….
Ich wische mein Gesicht und flüchte mich in die Halle der Namen. Das ist ein Hauch tröstlicher. Hier wird Familienforschung für die betrieben, die durch den Holocaust ihre Identität, ihre Wurzeln verloren haben.

Mir ist kalt und ich bin froh, dass mich von den vielen Israelis niemand schräg angeschaut hat.
Schweigend warten wir in der Sonne, bis die Gruppe zusammen ist. Übrigens Elora (4 Jahre) durfte nicht mit rein – die Holocaustausstellung ist erst ab 10 Jahren. Ihre unbeschwerte Fröhlichkeit tröstet mich etwas.

Uriel zeigt uns noch die Gedenkstätte, die man aus dem Fernsehen kennt, das Labyrinth der Orte wo durch den Holocaust das Judentum ausgelöscht wurde. Die Ortsnamen stehen auf riesigen Quader, die hoch aufgeschichtet hier liegen.

Als ich 2013 zuletzt hier war, wurde daran noch gebaut.

Zum Schluss müssen wir noch in die Gedenkstätte für 1,5 Millionen ermordeter Kinder. Durch Kerzen und Spiegel reflektieren die Flammen zu Myriarden von Sternen. Die Namen der ermordeten Kindern werden vorgelesen.
Hinter mir schluchzen Frauen. Ich kann sie gut verstehen. Als ich zuerst hier war, war ich zum Glück allein.

Leider fehlt heute Chefin Elisabeth. Sonst hätten wir alle einen Arak im Bus bekommen. Ich hätte meinen gut gebrauchen können.

Yamil fährt uns dann zu Notre Dame of Jerusalem, das ist das Gästehaus des Vatikan und hier sind wir die letzten drei Nächte.
Wir verabschieden Yamil, er hat frei (wir sind zwei Tage zu Fuß unterwegs). Freitag fährt uns ein Kollege nach Yaffo und zum Flughafen.

Und sonst?

  • Ich werde gut und liebevoll mit Medizin versorgt, huste aber noch wie ein Riesenschnautzer. Denke aber, dass es langsam besser wird. Beim Kreuztragen nützt schimpfen auch nicht so viel. Sonst eigentlich auch nicht. Oder?
  • Herzlichen Glückwunsch an A*, der heute Geburtstag hat!

Über Florian Seiffert

http://www.seiffert.net
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